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Autor Thema: Erfahrungsbericht OP Nach Nuss, Luzerner Kantonsspital Schweiz  (Gelesen 66 mal)

Büroangestellter

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Erfahrungsbericht Trichterbrust Operation Nach Nuss, Luzerner Kantonsspital Schweiz

Liebe Leserin,
Lieber Leser

Aktuell liege ich im Luzerner Kantonsspital, eine Nacht nach der Entfernung der beiden Bügel, welche mir im Jahr 2014 implantiert wurden. Ich möchte einen kleinen Beitrag für diejenigen da draussen zu leisten, welche (noch) mit einer Trichterbrust durch den Alltag gehen.

Da die Implantation schon drei Jahre zurückliegt, kann ich die Zeit unmittelbar danach nicht mehr ganz so detailliert schildern wie es andere Leute in diesem Forum getan haben. Dazu gibt es bestimmt detailliertere Beiträge. Trotzdem möchte ich mit diesem Bericht einen Rückblick von der aller ersten Sprechstunde beim Hausarzt bis heute machen. Ich wünsche eine angenehme Lektüre und hoffe, dem einen oder anderen damit helfen zu können.

Person
Männlich, geboren 1997, Bürojob, zwei Bügel nach Nuss im Sommer 2014 implantiert erhalten, welche im Herbst 2017 wieder explantiert wurden, Einstufung als Militärdienstuntauglich aufgrund der Implantate, Möglichkeit einer Neubeurteilung wäre möglich gewesen

01 Einsicht
Mit ungefähr 13 Jahren wurde ich in der Umkleide zum ersten mal auf den "Krater" in meinem Brustkorb angesprochen. Mir selbst ist dieser vorher nicht aufgefallen. Seither wurde dieser parallel mit meinem Wachstum immer tiefer und sichtbarer - und damit auch störender. Die Suchmaschine Google machte mir auch schnell klar, dass ich nicht der einzige mit einer sogenannten Trichterbrust bin. Durch hunderte Foren suchte ich irgendwie verzweifelt nach einem Workout, mit der man den Krater irgendwie wegtrainieren kann. Ich fand keines und so schien es mir vorerst die beste Lösung zu sein, einfach nichts zu tun. Da ich mich allerdings dafür schämte und u.a. auch Schwimmbadbesuche etc. vermied, musste ich mir eingestehen, dass ich so wohl nicht ewig durchs Leben gehen möchte. Es war Zeit für eine Veränderung. (Ich weiss, dass eine Trichterbrust relativ zu anderen Handycaps gesehen werden sollte. Ich persönlich konnte jedoch die Trichterbrust nicht verharmlosen und schämte mich folglich dafür)

02 Gespräch mit dem Hausarzt
Als ich die Trichterbrust meiner Mutter präsentierte, war sie der Meinung, dass ich unbedingt mal einen Arzt konsultieren soll (ich habe mich natürlich zu diesem Zeitpunkt schon durch zig Foren gelesen und wusste bestens, was mir blühte). Beim Hausarzt angekommen durfte ich erstmal mein Shirt ausziehen und er tastete die Brust ab. Er stellte mir ein paar Fragen und klärte mich über die Trichterbrust auf. Anschliessend verwies er mich dann an einen Kinderchirurgen im Luzerner Kantonsspital weiter, gerade weil mich die Trichterbrust auch beim Sport ein wenig einschränkte. Ob aber eine OP nötig wäre, konnte er mir nicht sagen. Bei der Autofahrt nach Hause war mir Bewusst, dass dies ein längerer Weg werden würde, wenn ich die Brust tatsächlich operiert haben möchte. Obwohl ich mir nicht sicher war, ob für mich ein Eingriff in Frage kommt, habe ich mich auf das Treffen mit dem Spezialisten eingelassen - und das war genau die richtige Entscheidung!

03 Gespräch mit dem Spezialisten
Der Spezialist war ein mittlerweile pensionierter Kinderchirurg am Luzerner Kantonsspital (Schweiz). Es war eine unverbindliche Sprechstunde und so konnte ich mich einfach mal von einem Spezialisten wie ihm beraten lassen. Auch er schaute sich die Brust genaustens an und klärte mich über die OP auf. Er meinte, ich habe das Glück, dass mein Trichter symetrisch liegt. Ich durfte Fragen stellen und sogar ein Wunsch-Zeitfenster für einen allfälligen OP Termin äussern. Ich möchte an dieser Stelle erwähnen, dass gerade dieses Gespräch mit dem Chirurgen mich irgendwie mehr für eine OP begeistern liess. Natürlich wurde ich auch darüber aufgeklärt, dass es auch bei dieser OP zu Komplikationen kommen kann und dass der Eingriff an sich nicht zu unterschätzen ist. Es wird schliesslich das Brustbein gegen den Willen des Körpers nach aussen gedrückt und der ganze Brustkorb formt sich erneut. Trotzdem gab ich ihm wenige Tage auf das Gespräch grünes Licht für die OP für den Sommer 2014. Ich hatte einfach ein gutes Bauchgefühl bei diesem Doktor - und trotzdem realisierte ich es irgendwie nicht ganz, auf was ich mich da einlasse.

04 Untersuche und Röntgen
Vor dem eigentlichen Krankenhausaufenthalt wurde ich noch für ein paar Lungentests sowie ein Röntgen aufgeboten. Die nahm etwa einen Nachmittag in Anspruch.

05 Implantation und Krankenhausaufenthalt
Vorab: Ja, ich war sehr nervös vor der Operation. So musste ich einen Tag vor der OP im Spital einchecken, und irgendwie konnte ich es mir gar nicht vorstellen, in weniger als 24h bereits operiert zu werden. Am Tag vor der OP musste ich nochamls ein paar Tests machen und hatte noch ein Gespräch mit der Anästhesistin. Sie klärte mich über die Risiken der Vollnarkose auf (es war meine erste) und erklärte mir noch, weshalb ich ein feiner Schlauch in den Rücken erhalte (Spinalanästhesie). Die Schwestern waren super freundlich zu mir. Das Essen im Spital war auch super lecker. Die Betten komfortabel und der Zimmergenosse angenehm.

Nach einer kurzen Nacht war es dann soweit: der Tag der OP. Um 09:00 Uhr kam die Schwester in mein Zimmer und gab mir das OP-Gewand sowie den "alles-egal" Drink. Nervös wurde ich mit samt Bett zum OP-Vorbereitungsraum transportiert. Die Leute im Spital und vor allem die Leute dort waren extrem freundlich und wussten, wie sie meinen Puls etwas runterholen konnten (Meinen grössten Respekt für solch einfühlsame Leute). Im Vorbereitungsraum wurden mir dann noch ein paar Kabel und Schläuche verpasst, bevor ich dann den feinen Schlauch in den Rücken erhielt (dabei musste ich noch anwesend sein). Anschliessend sagten sie, dass sie nun gleich das Narkosemittel in meine Infusion am Handgelenk einfliessen lassen. Ab dann war ich weg.

Wie ein Schalter kam ich dann im Aufwachraum wieder zu Bewusstsein und erhielt etwas kleines zu Trinken und Essen. Ich erinnere mich noch, wie mir äusserst kalt war. Sofort erhielt ich Wärmedecken und ein paar Wärmeflaschen. Natürlich konnte ich mich nicht zurückhalten, meinen Brustkorb zu ertasten und wagte dann auch einen kleinen, schüchternen Blick auf das Ergebnis: es war super! Zufrieden döste ich im Aufwachraum noch etwas vor mich hin und malte mir jetzt schon aus, wie unbeschwert ich später wieder ins Schwimmbad (und was alles noch!) kann und dass ab jetzt alles nur noch besser werden kann! Koste was es wolle! (Das war dann zugleich auch der Antreiber, um die Schmerzen zu erdulden) Ich verspürte zwar noch im Aufwachraum so ein kleines Druckgefühl in meinem Brustkorb, aber Schmerzen hatte ich zu diesem Zeitpunkt noch keine. Ich war in den besten Händen und fühlte mich dort unten gut aufgehoben.

Zurück auf dem Zimmer, noch am selben Tag wie die OP stattgefunden hatte. Die nächsten Tage waren sehr schmerzhaft. Ich würde sagen, gerade die erste Woche musste ich rein von den Schmerzen her schon richtig beissen. Ich hatte ein kleiner, feiner Schlauch für zusätzlichen Sauerstoff in einer meiner Nase. Zusätzlich hatte ich fast den ganzen zweiwöchigen Aufenthalt im Spital lang einen Blasenkatheter, da ich die ersten vier bis fünf Tage nicht aufstehen konnte und wegen dem Schlauch im Rücken konnte ich glaube ich die Blase nicht richtig "kontrollieren". In dieser Zeit nahm ich glaube ich gegen die 25 Tabletten pro Tag gegen die Schmerzen nebst der Spinalanästhesie im Rücken. Durch die Spinalanästhesie konnte ich die Schmerzmittelflüssigkeit per Knopf direkt in meinen Rücken (nach Bedarf) fliessen lassen.

Das schöne an der OP ist, dass es wirklich von Tag zu Tag besser wird  und eben - das Ergebnis motiviert und gibt Kraft. Wenn auch nur langsam der Fortschritt. So konnte ich nach etwa fünf Tagen bereits wieder etwas laufen auf dem Gang, und dort machte ich dann aber schnell Fortschritte. Anfänglich hatte ich noch mit dem Kreislauf zu kämpfen wegen den Medikamenten und dem vielen Liegen. Ich musste mich insgesamt auch zwei mal im Zimmer Übergeben, was äusserst schmerzhaft ist, da man das Würgen nicht kontrollieren kann und man seinen Thorax somit nicht schonen kann und enormer Druck entsteht.

Nach 10 Tagen wurde ich aus dem Krankenhaus entlassen.

06 Zu Hause
Der Austritt aus dem Krankenhaus bedeutet aber nicht, dass man keine Schmerzen mehr erdulden muss. Bis ich wieder im Büro arbeiten konnte, verging eine weitere Woche zu Hause. Dort hatte ich vor allem mit Rückenschmerzen zu kämpfen. Ich vermute (Eigene These) dass der Druck, welcher der Bogen verursacht, irgendwie auf die Wirbelsäule drücken musste. Und die Wirbelsäule sich entsprechend bemerkbar machte. Täglich war ich immer noch bei etwa 20 Tabletten pro Tag, wobei in den ersten zwei Wochen darunter noch ein Opiat (Targin) war. Dieses konnte ich aber dann relativ zügig absetzen. Auch das Schlafen und aufstehen war nicht ganz einfach. Ich musste bzw. konnte immer nur auf dem Rücken schlafen, und am Morgen musste die Brust irgendwie ein bisschen "auftauen" damit sie anschliessend wieder schmerzfrei werden konnte. Dann, nach einer weiteren Woche, wagte ich den Schritt zur Arbeit.

07 Arbeit
Hier gibt es nicht viel zu sagen. Ich habe das Glück, dass ich einen Bürojob habe und entsprechend viel sitzen musste. Beim sitzen hatte ich erfreulicherweise nie gross Beschwerden. Die Tabletten konnte ich dann etwa 2.5 Monate nach der OP komplett absetzten. Während der Zeit hatte ich die meisten "Beschwerden" bzw. Schmerzen jeweils in der Nacht. Den Tag durch ging immer super. Auch wenn sich die Tortour nach viel Schmerzen anhört, ich spürte wirklich, wie es von Tag zu Tag besser wurde.

08 Die drei Jahre bis zur Explantation
Rund vier Monate nach der OP hatte ich schon so gut wie wieder vergessen, dass ich überhaupt zwei Bögen in mir habe. Ich konnte Joggen, Skifahren und auch in der Berufsschule wieder alle möglichen Sportarten mitmachen. Natürlich genoss ich es, einfach ein normaler Besucher im Schwimmbad zu sein! Bloss manchmal, wenn ich im Bett auf der Seite lag, spürte ich den Bogen. Es war aber kein Schmerz, mehr halt eine unangenehme Wahrnehmung des Körpers. Die drei Jahre vergingen Rückblickend wirklich schnell und ich empfand den Bogen wirklich höchst selten als störend. Beispiele wären etwa, wenn mich meine Freundin an dieser Stelle des Bogens berührte - wirklich unangenehm! Einige wenige, kleine Stellen an meiner Brust sind bis heute "taub". Das sind aber wirklich nur ein paar kleine Stellen. Ich glaube, die werden auch taub bleiben.

09 Explantation
Am 14. November 2017 wurden die beiden Bögen wieder entfernt. Einen Tag vorher musste ich wieder im Krankenhaus einchecken, und anschliessend nach der OP noch zwei Nächte im Krankenhaus bleiben. Die OP verlief gut, allerdings waren die zwei Bügel aufgrund der dreijährigen Tragzeit ziemlich fest mit dem Knochen verwachsen. Der Chirurg teilte mir mit, dass sie ziemlich ziehen und zerren mussten und auch einen Teil der Platte frei meisseln und hämmern mussten. Das hört sich ziemlich schmerzhaft an, aber ich verspürte nach der OP nur geringe Schmerzen an der Wunde. Schmerzmittel benötigte ich keine. Morgen kann ich nach Hause gehen.

10 Konklusion / Fazit
Ich bin wirklich froh, dass ich diese Operation gemacht habe. Meine Brust nicht mehr verstecken zu müssen gibt mir einfach eine viel bessere Lebensqualität und ein ganz anderes Selbstbewusstsein und auch eine andere Selbstwahrnehmung. Ich bin definitiv zufriedener im Leben als vorher.

Der Preis dafür ist aber wirklich nicht zu unterschätzen. Gerade die ersten zwei Wochen nach der OP bleiben mir schlecht und schmerzhaft in Erinnerung. Die anschliessenden drei Monate waren einfacher zu ertragen, aber teilweise auch schmerzhaft. Nach diesen drei Monaten jedoch konnte ich die drei Bügel problemlos und beschwerdenlos tragen. Das Ergebnis ist toll und die Explantation verlief auch ohne grössere Schmerzen. Aber man sollte nicht vergessen: Es sind zwei Operationen notwendig, bei denen es immer zu Komplikationen kommen kann. Der Bogen geht an Herz und Lunge vorbei. Nicht auszuschliessen ist auch das Risiko, dass der Trichter wieder einfällt, wenn man den Bogen entfernt.

Ich hoffe, dass dieser Beitrag der einen oder anderen Person, welche evtl. die Operation nach Nuss in Erwägung ziehen möchte, etwas helfen konnte. Bei Fragen könnt ihr gerne auf die Kommentarfunktion zurückgreifen.

Gruss
Büroangestellter
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